Der Großvater meiner Frau war Chemiker und hat ein kleines Bändchen hinterlassen: „Vom Umgang mit Nitroglycerin“. Wenn heute von Zucker die Rede ist, erinnert mich das an diese Abhandlung über einen gefährlichen Stoff.

Menschen, die sich berufen fühlen, vor Zucker zu warnen und andere im richtigen Umgang damit anzuleiten (Bloß nicht essen!), bezeichnen den vielseitigen Lebensmittelbestandteil mitunter als Gift. Ein Gift, das es zu meiden gelte, will man nicht adipös und in der Folge multimorbid werden. Beliebte Instrumente, die uns vor solchem Schicksal bewahren sollen, sind Warnhinweise in Gestalt der sogenannten Nährstoffampel und Werbeverbote zum Schutz der Großeltern vor Verführung zu Erwerb und Weitergabe kinderschädigender Leckereien.

Möge man uns bitte damit verschonen! Weder gibt es gute Gründe, sich im Kampf für die Volksgesundheit ausgerechnet auf Zucker zu konzentrieren. Noch wollen sich Erwachsene in einem freien Land wie Kinder behandeln lassen, denen kontinuierlich nahegelegt wird, wie sie sich ernähren sollen. Das hoffe ich zumindest, dass sie das nicht wollen. Denn ich habe im Großen und Ganzen eine gute Meinung von meinen Mitmenschen.

„Erwachsene wollen sich nicht wie Kinder behandeln lassen, denen nahegelegt wird, wie sie sich ernähren sollen.“               

Übergewicht hat viele Ursachen. Natürlich kann man in Studien einen Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Gewicht ermitteln. Das ist einfach. Schwieriger ist es, daraus Schlüsse zu ziehen. Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse einer Untersuchung an rund 10.000 New Yorkern zeigen zum Beispiel, dass Leute, die vier oder mehr mit Zucker gesüßte Getränke täglich tranken, etwas schwerer waren als die, die gar keine tranken. Allerdings betrug der Unterschied im Body Mass Index (BMI) durchschnittlich nur 1,4. Ein 1,80 m großer Limotrinker brächte demnach 82,2 Kilogramm auf die Waage, während ein gleich großer Limoabstinenzler 77,7 Kilo wöge. Noch kleiner wurde der Unterschied, wenn man Paare bildete, die sich außer beim Soft Drink Verzehr ähnlich waren. Da betrüge er in unserem Beispiel gerade noch 1,2 Kilo. Was sagen uns diese 1,2 Kilo, die wir mit bloßem Auge nicht erkennen können? Dass der Mann durch ausdauerndes Colasaufen über die Jahre gut zwei Pfund Fett angesetzt hat? Oder, dass er etwas muskulöser ist, weil er viel Sport treibt und hinterher gerne mal einen Soft Drink zu sich nimmt? Wir wissen es nicht.

Noch gibt es Vielfalt in unserer Gesellschaft, und einige von uns erkennen darin einen Wert. Die Körper sind unterschiedlich, die Lebensstile ebenso. So weisen auch die Autoren darauf hin, dass die Vieltrinker und die Nichttrinker sich in vielen wichtigen Markmalen wie Geschlecht, ethnischer Herkunft, sozioökonomischem Status usw. unterschieden. Selbst die kleine, vermeintliche Auswirkung der Süßgetränke konnte also auch noch viele andere Ursachen haben.

„Übergewicht hat viele Ursachen, daher hilft es niemandem, nur übers Essen zu reden.“

Damit kommen wir zum Kern der Sache: Ernährung allgemein und Zucker im Besonderen sind nur zwei von vielen Faktoren, die einen Einfluss auf das Gewicht haben können. Bewegung, Schlafmangel, Heizung, genetische Veranlagung, psychische Belastung, Medikamente, Infektionen, Zusammensetzung der Darmflora, Fernsehen, Diäten u.v.m. spielen eine Rolle.

Die Fixierung aufs Essen und hier speziell wahlweise auf Zucker oder Fett, oder wie bei den Ampeljüngern beides, hat mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts zu tun. Sie ist dafür nicht selten Ausdruck elitärer Verachtung der Essgewohnheiten normaler Leute.

„Die Fixierung auf bestimmte Nährstoffe ist nicht selten Ausdruck elitärer Verachtung der Essgewohnheiten normaler Leute.“

Jeder möge selbst entscheiden, was er isst. Die Menschen väterlich per Ampel zu lenken durch Zuckersteuer zu bremsen und durch Werbeverbote vor Verführung zu bewahren, ist Bevormundung. Das weisen die Befürworter von sich. Sie sagen, niemand zwinge mich, auf Zucker zu verzichten. Wohl wahr, natürlich kann ich mich darüber hinwegsetzen und die Hinweise ignorieren. Doch wird hier einer Kultur der Unmündigkeit Vorschub geleistet. Das ist das eigentliche Problem. Wer möchte, dass sich Menschen bewusst ernähren, muss Ampel und Werbeverbote ablehnen. Bewusste Ernährung ist das Gegenteil von gelenkter Ernährung.

„Wer möchte, dass Menschen sich bewusst ernähren,
muss Ampel und Werbeverbote ablehnen.“

Und warum nicht noch einen Schritt weiter gehen? Brauchen wir wirklich so dringend „bewusste“ Ernährung? Vielleicht haben wir es bei den Menschen, die unbeschwert Klein- und Großgedrucktes mit Nichtbeachtung strafen und kaufen und essen, was ihnen schmeckt und die Freude am Leben mehrt, nicht mit mangelnder Bildung oder Belehrung, sondern mit mangelnder Paranoia zu tun. Und meine starke Vermutung ist: Sie sind noch nicht mal dicker als der Durchschnitt.

 

Thilo Spahl, Diplom-Psychologe, ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Novo-Redakteur. Er veröffentlichte außerdem u.a. bei Brand Eins, DIE WELT, Financial Times Deutschland, FOCUS und dem britischen Online-Magazin Spiked. Inhaltliche Schwerpunkte sind u.a. Biotechnologie, Energie, Umwelt, Medizin. https://www.novo-argumente.com/autor/spahl_thilo