Die Übergewichts-Debatte läuft in die falsche Richtung. Zu viel und zu oft wird über einzelne Nährstoffe geredet. Als wenn der Austausch eines Nährstoffs in einem Lebensmittel durch einen anderen Nährstoff irgendetwas am Körpergewicht ändern könnte. Das geht an den tatsächlichen Ursachen vorbei. Dabei sind die Kalorien entscheidend für das Körpergewicht. Genauer: die Kalorienbilanz – das Verhältnis von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch. Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, nimmt zu.

In Deutschland nehmen wir heute nicht mehr, sondern eher weniger Kalorien zu uns als früher. Aber unser Kalorienbedarf ist gesunken. Wir sitzen viele Stunden im Beruf. Hinzu kommen die Stunden, die wir täglich vor dem Fernseher oder am Computer, im Auto oder auf der Couch verbringen. Sitzen ist das neue Rauchen. Aber wir haben offenbar noch nicht gelernt, damit umzugehen. Einige essen, als müssten sie Schwerstarbeit verrichten, auch wenn das nicht der Fall ist. Wer sich zu wenig bewegt und zu viel isst, wird dick.

Wenn wir gegen Übergewicht etwas erreichen wollen, müssen wir die Ursachen an der Wurzel packen. Wir müssen über Kalorien sprechen und das Bewusstsein schärfen, wie wichtig es ist, Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch ins Gleichgewicht zu bringen.

Reden ist gut, Reden allein reicht aber nicht. Werden wir konkret. Setzen wir uns Ziele, damit wir endlich echte Fortschritte gegen das Übergewicht erzielen. Mit den folgenden fünf Zielen hätten wir schon viel erreicht:

1. Wir müssen unser Bewusstsein für die Kalorienbilanz schärfen.

Wir haben nachgefragt: 60 Prozent der Verbraucher wissen nicht, was der Begriff „Energiebilanz“ meint. Dabei ist es eben diese Kalorienbilanz, die für das Körpergewicht entscheidend ist. Und nicht einmal die Hälfte der Verbraucher (42 %) achtet beim Essen auf den Kaloriengehalt.

Deshalb: Schaffen wir ein stärkeres Kalorienbewusstsein und klären wir die Menschen über ihre persönliche Kalorienbilanz auf. Damit sie besser verstehen, dass das Verhältnis von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch für das Körpergewicht entscheidend ist. Zeigen wir ihnen, wie sie ihre Kalorienbilanz steuern und dabei die ganze Lebensmittelvielfalt genießen können.

2. Die Kalorienangabe steht in der Nährwerttabelle.

Der Kaloriengehalt von Lebensmitteln ist schon heute eindeutig und verständlich ausgewiesen. Die Nährwerttabelle auf den Verpackungen zeigt, wie viele Kalorien ein Produkt hat.

Wir sollten deshalb aufhören, unser Heil in vermeintlich einfachen zusätzlichen Kennzeichnungen zu suchen. Zum Beispiel in der Nährwertampel. Sie ist ohne wissenschaftliche Basis und – schlimmer noch! – stiftet beim Verbraucher Verwirrung statt Orientierung. Heißt nun “Grün-Gelb-Grün-Rot”, dass ein Produkt gesund ist? Die Zusammensetzung von Lebensmitteln bringt es mit sich, dass schon auf einer Verpackung gleich mehrere Ampelfarben zu sehen wären. In einem vollen Einkaufswagen kommen da schnell über 200 verschiedene Ampelfarbkombinationen oder sogar noch mehr zusammen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass das dem Verbraucher helfen könnte?

Nein, machen wir lieber die Kalorienangabe in der Nährwerttabelle bekannter. Sie ist einfach, klar und gibt eine gute Orientierung.

3. Kalorien müssen Schulstoff werden.

Mit Verboten, Geboten und Vorschriften werden wir es nicht schaffen, das Kalorienbewusstsein zu stärken. Das gelingt uns nur durch gute Ernährungsbildung. Sie muss bereits in jungen Jahren ansetzen. Sie muss langfristig und konsequent verfolgt und nachgehalten werden.

Kalorien müssen Schulstoff werden – am besten schon in der Grundschule. Wie das konkret aussehen kann, findet gerade der gemeinnützige information.medien.agrar e.V. (i.m.a) heraus, der gemeinsam mit Lehrern eine entsprechende Unterrichtseinheit entwickeln will. Die deutsche Zuckerwirtschaft unterstützt das.

4. Machen wir mehr Bewegung im Alltag zur Selbstverständlichkeit.

Bewegung hilft dabei, die persönliche Kalorienbilanz im Gleichgewicht zu halten. Das gilt für jede Art der Bewegung im Alltag. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker weist mit dem eigens entwickelten Online-Energiebedarfsrechner unter www.schmecktrichtig.de/energiebedarfsrechner auf diesen Zusammenhang hin. Damit gibt sie erste Anregungen, wie ganz einfach mehr Bewegung in den Alltag kommen kann.

Neben den Familien und Sportvereinen können auch die Schulen helfen. Schon die Pausen können sie nutzen, Kindern Angebote zu machen und ihnen die Freude an der Bewegung zu vermitteln. Zudem sollten sie dem Sportunterricht den gleichen Stellenwert einräumen wie anderen Fächern auch.

5. Nur eine ehrliche Reformulierung mit einer deutlichen Kalorienreduktion kann helfen.

Wer trotz allem dann auch noch über Rezepturänderungen von Lebensmitteln die Ernährung der Verbraucher beeinflussen will, sollte dies zum Nutzen der Verbraucher tun. Den haben sie allenfalls dann, wenn die reformulierten Produkte in der Folge deutlich weniger Kalorien haben.

Hören wir endlich auf, über einzelne Nährstoffe zu diskutieren. Reden wir lieber über den Zusammenhang zwischen der persönlichen Kalorienbilanz und dem Körpergewicht. Nur mit einem klaren Fokus auf Kalorien haben wir eine Chance, Ernährungsverhalten und Lebensstile nachhaltig in allen und gerade auch den besonders betroffenen Bevölkerungsgruppen zu verändern. Was wirklich zählt, sind die Kalorien.

 

„Wenn Rezepturänderungen gegen Übergewicht helfen sollen, dann müssen diese zu einer deutlichen Kalorienreduktion führen.“