In der aktuellen politischen Debatte um einen gesunden Lebensstil und eine ausgewogene Ernährung gibt es viele Meinungen und Vorschläge. Einzelne fordern immer wieder eine Strafsteuer auf zuckerhaltige Lebensmittel. Sie soll dazu beitragen, Übergewicht und daraus folgende Zivilisationskrankheiten einzudämmen. Doch eine sogenannte „Zuckersteuer“ hilft nicht bei der Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas; zusätzliche Steuern machen niemanden schlank.

 

Strafsteuern schützen nicht vor Übergewicht

Eine Strafsteuer für Zucker suggeriert fälschlich, dass eine einzelne Zutat schuld an der Entstehung von Übergewicht sei. Dieser Ansatz führt nicht zum Erfolg. Alle Lebensmittel haben ihren Platz in einer ausgewogenen Ernährung. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) spricht sich dafür aus, die Lebensmittelvielfalt zu genießen.[1] Zudem ist nicht vorhersehbar, wie Verbraucher auf eine solche Strafsteuer reagieren. Darauf weisen die Ergebnisse der von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen aktuellen Studie „Food taxes and their impact on competitiveness in the agri-food sector“ hin.[2] Führt zum Beispiel eine Strafsteuer auf Erfrischungsgetränke dazu, dass mehr Fruchtsäfte konsumiert werden, ist das Ziel der Steuer, Kalorien zu sparen, verfehlt. Denn der Kaloriengehalt von Fruchtsäften entspricht dem Kaloriengehalt von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken oder ist teilweise noch höher. Wenn Verbraucher in Folge der Steuer schlicht auf die günstigere Variante eines Lebensmittels ausweichen, werden ebenfalls keine Kalorien gespart.

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Erfahrungen mit Sondersteuern: Keine nachweisbaren Erfolge

Die Erfahrungen aus dem Ausland sprechen ebenfalls nicht dafür, dass Steuern ein probates Mittel zur Prävention von Zivilisationskrankheiten sind.

 

Frankreich

Frankreich wird immer wieder als Beispiel für erfolgreich eingeführte Sondersteuern genannt. Seit 2012 wird dort eine erhöhte Steuer auf alle Erfrischungsgetränke erhoben, unabhängig davon, ob sie mit Süßstoff oder mit Zucker gesüßt sind. Fruchtsäfte, die einen vergleichbaren Kaloriengehalt wie Limonaden aufweisen, sind ausgenommen. Zu einer verminderten Energieaufnahme der Verbraucher führt diese selektive Besteuerung somit nicht. Von daher leistet die Sondersteuer auch keinen Beitrag zur Übergewichtsprävention, sondern allenfalls zur Konsolidierung des Staatshaushalts.

 

Dänemark

In Dänemark war eine Sondersteuer für Zucker ursprünglich in Planung. Nach den schlechten Erfahrungen mit der umstrittenen „Fettsteuer“ ist die zur Diskussion stehende Einführung einer Steuer auf zuckerreiche Produkte allerdings wieder vom Tisch. Die „Fettsteuer“ war 2011 eingeführt und bereits 2012 wieder aufgehoben worden. Gründe dafür waren unter anderem die hohen Verwaltungskosten und das Einkaufsverhalten der Verbraucher, die vergleichbare Produkte im nahen Ausland kauften. Positive Auswirkungen auf die Ernährungsweisen waren hingegen nicht erkennbar.

 

Mexiko

Mexiko hat Anfang 2014 eine Steuer auf zuckerhaltige Softdrinks eingeführt, deren Ziel es sein soll, das Verbraucherverhalten zu ändern – laut einer aktuellen Untersuchung anscheinend sogar erfolgreich. Bei oberflächlicher Betrachtung kommt die Studie zu dem Schluss, dass der Absatz von zuckerhaltigen (und zusätzlich besteuerten) Getränken im ersten Jahr nach Einführung der Steuer um sechs Prozent zurückgegangen sei.[3]Dass diese Zahlen jedoch keine Aussagekraft haben, das zeigt der sorgfältige Blick auf die Methodik: Die ermittelten kurzfristigen Veränderungen der Verkaufszahlen beruhen nämlich nur auf rein hypothetischen Annahmen der Absatzentwicklung – das räumen die Forscher selbst ein. Zudem werden die viel wichtigeren Faktoren – also die Auswirkungen der Steuer auf die Kalorienaufnahme und das Ernährungsverhalten insgesamt – gar nicht untersucht. Somit liegt auch in Mexiko kein Beleg dafür vor, dass die Einführung einer Strafsteuer einen Beitrag zur Übergewichtsprävention leistet.

 

Vor allem Familien sind betroffen

Eine Steuer oder Steuererhöhung zahlt am Ende immer der Verbraucher, egal wo und wie sie erhoben wird. Im Fall der Zuckersteuer träfe es besonders Familien und Geringverdiener, die insgesamt einen höheren Anteil ihrer Ausgaben für Lebensmittel aufwenden müssen. Für sie kann eine Zuckersteuer regelrecht zur Strafsteuer werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Bevölkerung regelmäßig gegen Steuerhöhungen ausspricht – so auch kürzlich gegen eine Zuckersteuer, was sich bei einer Online-Umfrage im Rahmen der SWR-Sendung Pro & Contra zeigte.[4]*

 

Weniger Zucker in Lebensmitteln heißt nicht weniger Kalorien

Selbst wenn die gezielte Besteuerung zuckerhaltiger Lebensmittel dazu führen sollte, dass Verbraucher auf andere Lebensmittel ausweichen, die nicht mit einer Strafsteuer belegt sind, wird das erhoffte Ergebnis, eine Reduktion der Kalorienaufnahme, damit nicht erzielt werden. Gerade in festen Lebensmitteln kommt Zucker nicht nur wegen seiner Süße zum Einsatz. Er muss schon aus technischen Gründen durch andere Zutaten ersetzt werden, die in der Regel genauso viel oder mehr Kalorien liefern. Zuckerreduzierte Produkte haben deshalb oft genauso viele Kalorien wie die normalen, vergleichbaren Produkte – manchmal sogar mehr.

 

Die Forderung nach einer Zuckersteuer verstellt den Blick auf die tatsächlichen Ursachen

Wer eine Steuer auf zuckerhaltige Produkte fordert, verkennt, dass es viele und sehr individuelle Ursachen für Übergewicht gibt. Und wer mit Zucker lediglich eine einzelne Zutat in den Fokus der Debatte rückt, verstellt den Blick auf die Chancen, wirklich etwas gegen Zivilisationskrankheiten zu unternehmen. Wer diese bekämpfen will, muss das Gesamtpaket aus Ernährung, Genuss und Bewegung im Blick haben und nicht einzelne Zutaten dämonisieren.

 

Die individuelle Energiebilanz ist entscheidend

Ausschlaggebend für die Entstehung von Übergewicht ist letztlich die Energiebilanz jedes Einzelnen. Übergewichtig wird, wer über einen längeren Zeitraum mehr Energie zu sich nimmt, als er verbraucht. Entscheidend ist, dass Menschen bewusster darauf achten, ihre Energiebilanz im Lot zu halten.

 

Fazit

Eine Zuckersteuer wird im Kampf gegen Übergewicht nicht weiterhelfen. Sie wäre kontraproduktiv, weil sie den Blick auf eine Zutat und nicht auf den Zusammenhang von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch lenkt. Und sie träfe insbesondere Familien und Geringverdiener, weil sie Haushalte mit niedrigerem Einkommen stärker belastet als andere. Tatsächlich müssen wir über unseren Lebensstil, über das Gesamtpaket aus Ernährung, Genuss und Bewegung, reden. Wir müssen die Menschen für die Bedeutung ihrer persönlichen Energiebilanz sensibilisieren.

* Von 366 Teilnehmern der Online-Umfrage des SWR stimmten 62 % gegen eine sogenannte „Zuckersteuer“.

 

Quellen

[1] Deutsche Gesellschaft für Ernährung: „Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE“. https://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/, am 20.11.2015.

[2] ECORYS: Food taxes and their impact on competiveness in the agri-food sector; Studie im Auftrag der Europäischen Kommission, GD Unternehmen und Industrie, 12. Juli 2014:
http://ec.europa.eu/growth/tools-databases/newsroom/cf/itemdetail.cfm?item_id=7668&lang=de, am 16.6.2016.

[3] Colchero M. A., Popkin B. M., Rivera J.A., Ng S.W.: Beverage puchases from stores in Mexico under the excise tax on sugar sweetened beverages: observational study. BMJ 2016;352:h6704 |
doi: 10.1136/bmj.h6704.

[4] SWR Pro- und Contra vom 27. April 2016: Diskussion und Abstimmung:„Was halten Sie von einer Zuckersteuer?“ http://www.swr.de/proundcontra/diskussion-und-abstimmung-so-haben-sie-abgestimmt/-/id=14175868/
did=17299912/nid=14175868/1e8cufu/index.html, am 8.7.2016.

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